Uhren waren schon bei der Erkundung der Meere unverzichtbare Instrumente. Aber auch die Geschichte der Raumfahrt ist eine Geschichte der Zeitmessung. Im Vakuum des Weltraums, wo jede Sekunde über Leben und Tod entscheiden kann, ist eine zuverlässige Uhr kein Accessoire – sie ist Werkzeug, Sicherheitsinstrument und manchmal die Erretung vor dem drohenden Tod. Dieser Artikel verfolgt die Uhrenmacher und ihre Uhren vom Startblock in Baikonur bis zur Mondoberfläche, von Biel bis in den Orbit, und von Grenchen nach Moskau.

12. April 1961: Das Handgelenk von Gagarin

Es beginnt nicht mit Schweizer Präzision. Es beginnt in der Sowjetunion, an einem klaren Aprilmorgen, als Juri Gagarin in die Wostok 1 steigt und als erster Mensch der Geschichte in den Weltraum fliegt.

Modell der Vostok 1, mit der Juri Gagarin 1961 als erster Mensch in den Weltraum aufbrach.

Modell der Vostok 1, mit der Juri Gagarin 1961 als erster Mensch in den Weltraum aufbrach.

An seinem Handgelenk: eine Sturmanskie Typ 2 – eine nüchterne Fliegeruhr aus dem Moskauer Ersten Uhrenwerk, angetrieben vom Kaliber 2609. Der Name Sturmanskie bedeutet auf Russisch etwa »Navigationsuhr«. Sie war das Standardmodell für sowjetische Militärpiloten, und Gagarin hatte sie 1957 zum Abschluss seiner Pilotenausbildung in Orenburg erhalten.

Juri Gagarin trug bei seinem Erstflug eine Sturmanski aus der Moskauer Ersten Uhrenwerkstatt.

Juri Gagarin trug bei seinem Erstflug eine Sturmanskie aus der Moskauer Ersten Uhrenwerkstatt.

Keine Sonderanfertigung, kein Designauftrag – die erste Uhr im Weltraum war reguläre Armeeausrüstung. Das Zifferblatt: arabische Ziffern, kein Datum, kein Chronograph, Handaufzug. Was für einen Einstieg in die Geschichte. Die Sowjets hatten sich nicht gefragt, ob eine Uhr in der Schwerelosigkeit funktionieren würde – man hatte Gagarin schlicht mit dem ausgestattet, was man kannte. Der Flug dauerte 108 Minuten. Die Sturmanskie überstand den Flug ohne Ausfall.

24. Mai 1962: Die erste Schweizer Armbanduhr im All

Bevor die NASA überhaupt über eine Zertifizierung nachdachte, war bereits eine Schweizer Uhr im Orbit – und es war keine Omega. Scott Carpenter, Astronaut der Mercury-Atlas-7-Mission, hatte eine spezielle Bitte an Breitling: eine Version des Navitimer mit 24-Stunden-Zifferblatt. Der Grund war praktisch – im Orbit geht die Sonne alle 90 Minuten auf und unter, ein normales Zwölf-Stunden-Zifferblatt wird damit nutzlos.

  • Der Breitling Navitimer Cosmonaute wurde 1962 speziell auf Anfrage des amerikanischen Astronauten Scott Carpenter für Raumfahrtmissionen entwickelt.
    Der Breitling Navitimer Cosmonaute wurde 1962 speziell auf Anfrage des amerikanischen Astronauten Scott Carpenter für Raumfahrtmissionen entwickelt.

Breitling lieferte. Am 24. Mai 1962 umkreiste die Cosmonaute die Erde dreimal und wurde damit zur ersten Schweizer Armbanduhr im Weltraum. Als die NASA zwei Jahre später ihr Zertifizierungsverfahren aufsetzte, schickte Breitling übrigens keine Angebote. Das Feld überließ man anderen.

Die NASA sucht eine Uhr: Der Foltertest von 1964

Während die Sowjets einfach vorhandene Militärausrüstung nutzten, ging die NASA einen anderen Weg. 1964 beschlossen die Verantwortlichen des Manned Spacecraft Centers in Houston, dass zukünftige Astronauten mit einer standardisierten, zertifizierten Uhr ausgerüstet werden sollten. Die Agentur schrieb keinen offiziellen Wettbewerb aus sondern kaufte handelsübliche Uhren, und schickte sie durch eine Prüfung, die als das wohl härteste Uhrentestprogramm der Geschichte gilt. Im Sommer 1964 erhielten mehrere Hersteller Anfragen. Tatsächlich antworteten nur vier: Omega, Rolex, Longines-Wittnauer und Hamilton.

  • Die 2020 vorgestellte Omega Speedmaster Moonwatch gilt heute als offizielle Nachfolgerin.
    Die 2020 vorgestellte Omega Speedmaster Moonwatch gilt heute als offizielle Nachfolgerin.

Die NASA kaufte je ein Exemplar der eingegangenen Modelle und unterzog sie elf Prüfverfahren, die für den Menschen im All lebensnotwendige Bedingungen simulierten: Extreme Hitze von 93 Grad Celsius über 48 Stunden, anschließend Kälte bis minus 18 Grad. Hochvakuum bei 10⁻⁶ Atmosphären. Schock und Vibration jenseits militärischer Standards. Hohe Luftfeuchtigkeit kombiniert mit Temperaturwechseln. Korrosive Atmosphären. Druck-Druckdifferenzen, die Deckkonstruktionen realer Weltraumkapseln simulierten. Und akustische Belastung durch Startphasen. Nur eine Uhr bestand sämtliche elf Tests ohne Ausfall oder Gangungenauigkeit: die Omega Speedmaster Ref. ST 105.003, angetrieben vom Handaufzugs-Chronographen-Kaliber 321.

1. März 1965: »Flugtauglich für alle bemannten Missionen«

Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Am 1. März 1965 erklärte die NASA die Omega Speedmaster Ref. ST 105.003 offiziell für »flugtauglich für alle bemannten Weltraummissionen und Außenbordeinsätze« (EVA). 23 Tage später, am 23. März 1965, war sie bereits im Orbit – an den Handgelenken von Gus Grissom und John Young während der Gemini-3-Mission.

Buzz Aldrin auf dem Weg zum Mond mit seiner Omega Speedmaster am Arm.

Buzz Aldrin auf dem Weg zum Mond mit seiner Omega Speedmaster am Arm.

Besonders bemerkenswert: Die NASA zertifizierte keine Sonderanfertigung, kein Sonderwerkzeug, keine Militärversion. Die ST 105.003 war exakt das Modell, das jeder Kunde im Uhrengeschäft kaufen konnte. Die Tachymeterskala der Speedmaster verrät, dass die Uhr ursprünglich 1957 als Motorsportchronograph auf den Markt gebracht worden war. Der Tachymeter auf der Lünette ist konzipiert – wenig relevant im All, wo Geschwindigkeiten von 28.000 Stundenkilometern üblich sind.

Eine Omega Speedmaster Referenz 105.003, getragen von Gene Cernan während der Apollo 17-Mission.

Eine originale Omega Speedmaster Referenz 105.003, getragen von Gene Cernan während der Apollo 17-Mission.

Neil Armstrong ließ seine Speedmaster im Lunar Module zurück, weil der elektronische Missions‑Timer dort ausgefallen war und die mechanische Uhr als Backup im Inneren diente. Deshalb war nur Buzz Aldrin mit seiner Speedmaster auf der Mondoberfläche. Aldrin schickte seine nach der Mission – wie vorgesehen – per Versand an das Smithsonian Institute, doch das Paket kam nie an, vermutlich ging die Uhr unterwegs verloren oder wurde gestohlen, ihr Verbleib ist bis heute ungeklärt.

Apollo 13: 14 Sekunden gegen den Tod

Wenn die Mondlandung die schönste Stunde der Speedmaster war, dann war Apollo 13 ihre wichtigste. Am 13. April 1970, 56 Stunden nach dem Verlassen der Erde, erschütterte eine Explosion das Raumschiff. Ein Sauerstofftank im Servicemodul war geborsten – in einem Augenblick verlor die Besatzung ihre Lebenserhaltungssysteme.

Blick aus der Landefähre auf das beschädigte Service-Modul von Apollo 13.

Blick aus der Landefähre auf das beschädigte Service-Modul von Apollo 13.

Die drei Astronauten Jim Lovell, Jack Swigert und Fred Haise flüchteten in die Mondlandefähre Aquarius, die als improvisiertes Rettungsboot dienen sollte. Um sie auf einen Kurs zurück zur Erde zu bringen, musste das Abstiegstriebwerk des Lunar Module exakt 14 Sekunden gezündet werden.

Der Flug von Apollo 13 stand unter keinem guten Stern.

Der Flug von Apollo 13 stand unter keinem guten Stern.

Zu kurz, und die Kapsel würde an der Erde vorbeischießen. Zu lang, und sie würde zu steil in die Atmosphäre eintreten. Das Problem: Die digitalen Bordcomputer waren abgeschaltet worden, um die letzten Energiereserven zu schonen. Kein elektronischer Zeitgeber stand zur Verfügung.

James A. Lovell Jr., Kommandant der Apollo 13 Mission nit Omega Speedmaster.

Jim Lovell Jr., Kommandant der Apollo 13 Mission nit Omega Speedmaster.

Was blieb, war ein Omega Speedmaster-Chronograph – und Jack Swigert, der auf den Startknopf wartete. Die Zündung dauerte 14 Sekunden. Sie stimmte auf Sekundenbruchteile genau. Vier Tage später wässerte Apollo 13 sicher im Pazifik.

Mondoberfläche

Auf der Rückseite der Omega Speedmaster Silver Snoopy Award umkreist ein kleines Apollo-Raumschiff den Mond..

Die NASA honorierte diesen Beitrag: Omega ist bis heute die einzige Uhrenmarke, die den Silver Snoopy Award erhalten hat – die höchste Auszeichnung der Behörde für zivile Beiträge zur Raumfahrtsicherheit. Die Omega Speedmaster Silver Snoopy Award erinnert als limitierte Sonderedition an genau diese Episode.

Die Artemis II Mission

Die NASA‑Mission Artemis II bringt erstmals seit über 50 Jahren wieder Astronauten auf einen Flug um den Mond und dient als großer Testlauf für die geplanten Mondlandungen der folgenden Artemis‑Missionen.

Mit dem Start Artemis II beginnt die NASA wieder eine Mission zum Mond.

Mit dem Start Artemis II beginnt die NASA wieder eine Mission zum Mond.

Als offizielle Missionsuhr tragen die vier Crewmitglieder eine von der NASA ausgegebene Omega Speedmaster X‑33 in einem 45 Millimeter großen Gehäuse aus Titan.

Die Omega Speedmaster X 33 besitzt mit dem Kaliber 5622 ein thermokompensiertes Quarzwerk.

Die Omega Speedmaster X 33 besitzt mit dem Kaliber 5622 ein thermokompensiertes Quarzwerk.

Sie hilft mit ihren Digitalanzeigen, Timern und Alarmfunktionen die, Missionszeiten und Arbeitsabläufe im All präzise im Blick zu behalten. Für die Einsätze außerhalb des Raumschiffs ist eine Omega Speedmaster Professional vorgesehen.

Die sowjetische Uhrentradition: Pragmatismus als Prinzip

Gagarin trug eine einfache Standarduhr, die allerdings nur an Piloten und Kosmonauten ausgegeben wurde. Als Alexei Leonow 1965 von Bord der Woschod 2 zum ersten Weltraumspaziergang eines Menschen aufbrach, trug er ebenfalls einen Chronographen.

Der Strela Chronograph von Poljot wurde ab 1959 bis 1979 in Serie gefertigt.

Der Strela Chronograph von Poljot wurde ab 1959 bis 1979 in Serie gefertigt und wa der erste sowjetische Armband-Chronograph.

Das Kaliber 3017 der Strela basierte auf dem Design des Schweizer Handaufzugwerks 150 Venus, besaß ein Säulenrad und war mit drei Hertz getaktet, das entspricht 18.000 Halbschwingungen in der Stunde. Produziert bis 1979, blieb sie Standardausrüstung des sowjetischen Kosmonautenkorps über zwei Jahrzehnte. Beide Uhren verbindet ein Prinzip, das für russische Technik dieser Ära charakteristisch ist: nichts Unnötiges, maximale Zuverlässigkeit unter harten Bedingungen.

Russische Gedenkmünze zum 50. Jahrestag des ersten Außenbordeinsatzes eines Menschen am 18. März 1965.

Russische Gedenkmünze zum 50. Jahrestag des ersten Außenbordeinsatzes eines Menschen am 18. März 1965.

Die Frage der Leuchtmittel spielte dabei eine wichtige Rolle: Sturmanskie und Strela setzten auf Tritium-Leuchtmasse für zuverlässige Ablesbarkeit im Dunkeln des Raumschiffs oder während eines Spacewalks – eine Lösung, die im Kontext des Orbits pragmatisch war, denn die Strahlungsbelastung dort ist ohnehin erheblich höher als auf der Erde.

Fortis: Von Grenchen in den Orbit

Während die Speedmaster zur amerikanischen Raumfahrtikone wurde, verfolgte eine andere Schweizer Marke ihren eigenen Weg in den Weltraum. Fortis wurde 1912 von Walter Vogt in Grenchen gegründet. 1926 produzierte Fortis in Zusammenarbeit mit dem britischen Erfinder John Harwood die erste Automatik-Armbanduhr der Welt. In den 1960er Jahren übernahm Rolf Vogt, Sohn des Gründers, das Ruder und blickte nach oben: buchstäblich.

Die Fortis Spacematic AR aus dem Jahr 1962 sollte »allen Risiken« trotzen.

Die Fortis Spacematic AR aus dem Jahr 1962 sollte »allen Risiken« trotzen.

Rolf Vogt besuchte persönlich die NASA und präsentierte im Rahmen des Gemini-Programms die Fortis Spacematic AR – eine 35 Millimeter große Uhr in einem Gehäuse aus Edelstahl mit automatischem Aufzug, 250 Meter Wasserdichtheit, Stoßschutz und Antimagnetisierung. Das »AR« auf dem Zifferblatt stand für »All Risks«: alle Risiken. Die Spacematic schaffte es jedoch nicht durch die Zertifizierung. Das ließ Rolf Vogt kalt. Fortis baute weiter Uhren, die man unter extremen Bedingungen tragen konnte. Es sollte noch drei Jahrzehnte dauern, bis der richtige Moment kam.

1994: Die offizielle Partnerschaft mit Roskosmos

Nach dem Ende der Sowjetunion öffnete sich die russische Raumfahrt und Roskosmos begann, westliche Partner für Ausrüstung und Technologie zu suchen. Fortis nutzte diese Gelegenheit und ließ seine Uhren einem rigorosen russischen Zertifizierungsverfahren unterziehen. 1994 wurde der Fortis Official Cosmonauts Chronograph als erste Uhr offiziell von Roskosmos für alle bemannten Missionen zugelassen.

Der Fortis Official Cosmonauts Chronograph wurde offiziell von Roskosmos zertifiziert.

Der Fortis Official Cosmonauts Chronograph wurde offiziell von Roskosmos zertifiziert.

Herzstück war das Lemania 5100 mit seiner zentralen Minutenanzeige des Chronographen. Das Gehäuse maß 38 Millimeter in Edelstahl. Die erste Mission mit Fortis am Handgelenk fand im Juli 1994 statt: Jelena Kondakowa, Alexander Wiktorenko und Juri Malentschenko an Bord der Raumstation Mir.

Die Fortis B-42 Official Cosmonauts besaß ein modifiziertes ETA 7750.

Die Fortis B-42 Official Cosmonauts besaß ein modifiziertes ETA 7750.

2003 wurde das ursprüngliche Modell durch die neue B-42-Generation ersetzt. Der Gehäusedurchmesser wurde auf Wunsch der Kosmonauten auf 42 Millimeter erhöht, um für die Handhabung dicken Handschuhe der Raumanzüge Kaliber jetzt ein überarbeitetes ETA 7750. Im Gegensatz zur Speedmaster, die von NASA-Astronauten als persönliches Instrument getragen wurde, war Fortis bei den russischen Kosmonauten Dienstausrüstung: fest am Raumanzug montiert, nicht am nackten Handgelenk.

Das Fortis Werk 17: Im Weltraum getestet

2022 stellte Fortis das Werk 17 vor – entwickelt mit La Joux-Perret auf der technischen Basis des ETA 7750, tiefgreifend überarbeitet mit Schaltradsteuerung, traversierender Brücke und 60 Stunden Gangautonomie. Reguliert auf Chronometer-Standard. Das Besondere: Fortis testete das Werk tatsächlich unter Weltraumbedingungen.

Das Chronographenwerk Kaliber 17 von Fortis wurde unter Weltraumbedingungen getestet.

Das Chronographenwerk Kaliber 17 von Fortis wurde unter Weltraumbedingungen getestet.

In Zusammenarbeit mit der Swedish Space Corporation wurden Exemplare per Stratosphärenballon vom Esrange Space Center in Nordschweden gestartet – Druckverlust, kosmische Strahlung, Temperaturen bis minus 70 Grad. Anschließende Raketentests 2022 bestätigten die Ergebnisse. Magnetismus-Resistenz stand dabei im Fokus: Raumfahrzeuge erzeugen starke elektromagnetische Felder, die mechanische Uhrwerke destabilisieren können.

Die Novonaut von Fortis hält die Tradition der engen Verbindung zum Weltraum aufrecht.

Die Novonaut von Fortis hält die Tradition der engen Verbindung zum Weltraum aufrecht.

2023 setzte der Fortis Novonaut. mit dem Kaliber 17 die Weltraumtradition fort. Die erste limitierte Edition von 100 Stück war innerhalb von Stunden ausverkauft.

Was bleibt

Die Geschichte der Uhren im All ist keine Geschichte des Luxus. Sie ist eine Geschichte der Zuverlässigkeit unter extremen Bedingungen – und des Vertrauens, das Menschen in mechanische Instrumente setzen, wenn es um alles geht. Gagarin vertraute der Sturmanskie, weil er ihr vertrauen musste. Swigert vertraute der Speedmaster, weil nichts anderes mehr funktionierte. Roskosmos vertraute Fortis, weil man nach rigorosen Tests zu diesem Urteil kam. Drei Marken, zwei Supermächte, ein Grundprinzip: Im Vakuum entscheidet keine Marketingabteilung über den Wert einer Uhr. Das Vakuum entscheidet.

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