Wenn es um mechanische Stoppuhren und historische Fliegerchronographen geht, führt kein Weg an der deutsch-schweizerischen Marke Hanhart vorbei.
Mit ihrem unverwechselbaren Design – allen voran dem legendären roten Drücker – hat sich die Manufaktur fest in der Welt der feinen Uhrmacherei etabliert.
Von der Schweiz in den Schwarzwald
Die Wurzeln von Hanhart reichen bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Am 1. Juli 1882 eröffnete der Schweizer Uhrmacher Johann Adolf Hanhart ein Uhrengeschäft im malerischen Diessenhofen in der Schweiz.
Schon bald, im Jahr 1902, verlegte er den Betrieb ins süddeutsche Schwenningen, das damals als eine Hochburg der Uhrenindustrie galt.
Der Siegeszug der Stoppuhr
Der eigentliche Durchbruch auf dem internationalen Markt gelang 1924 durch Wilhelm Julius (Willy) Hanhart, den sportbegeisterten Sohn des Gründers. Er bemerkte, dass bezahlbare und gleichzeitig präzise Stoppuhren Mangelware waren.
So brachte er die weltweit erste erschwingliche mechanische Stoppuhr auf den Markt. Hanhart bot damit den teuren Schweizer Fabrikaten erfolgreich Paroli und dominierte bald den europäischen Markt für Zeitmessung im Sport.
Die Legende des roten Drückers
Wer heute eine Hanhart sieht, dem fällt sofort ein Detail ins Auge: der rote Drücker. Ursprünglich wurde dieses Merkmal 1939 bei Modellen wie der Tachy-Tele eingeführt. Der praktische Hintergrund war ernst: Viele Fliegeruhren verfügten über eine Flyback-Funktion. Ein versehentliches Betätigen des falschen Drückers während eines Fluges hätte die Stoppzeit sofort auf null gesetzt, was fatale Folgen für die Navigation haben konnte. Die rote Farbe diente als Warnung. Doch es gibt auch eine weitaus romantischere Legende: Eine Piloten-Ehefrau (oder Freundin) soll heimlich den Rücksteller an der Uhr ihres Liebsten mit rotem Nagellack bemalt haben, damit er beim Blick auf die Uhr stets an sie dachte – und im Eifer des Gefechts keinen Fehler machte.
Die Schwarzwälder Kaliber-Familie: 40, 41, 42, 44
1938 begann Hanhart nicht nur mit der Produktion von Armbandchronographen, sondern entwickelte dafur auch ein eigenes Uhrwerk: das Kaliber 40. Es war ein Eindrücker-Chronograph – Start, Stopp und Rückstellung erfolgen Über einen einzigen Drücker – und wurde zunächst fur Offiziere der deutschen Marine gefertigt. Technisch war es ein robustes Handaufzugswerk mit Schweizer Basis, das Hanhart in Schwenningen und Gütenbach an die eigenen Anforderungen anpasste.

Der Fliegerchronograph mit Tachymeterskala und dem Kaliber 41 wurde 1939 entwickelt.
Ein Jahr später, 1939, folgte das Kaliber 41 als Zweidrücker-Chronograph für die Luftwaffe. Wer einen historischen Hanhart-Fliegerchronographen neben einem Tutima-Pendant aus derselben Zeit halt, wird feststellen, dass beide Uhren bis ins Detail identisch wirken. Der Grund: Beide Hersteller erhielten dasselbe Pflichtenheft des Reichsluftfahrtministeriums und mussten dessen Spezifikationen erfullen. Die Kaliber 40 und 41 gehören heute zu den meistgesuchten deutschen Vintage-Chronographen – die Gesamtproduktion während des Krieges lässt sich an der Seriennummer ablesen: Hanhart vergab Nummern von etwa 100.000 bis 125.000, was die ungefähre Stückzahl widerspiegelt. Weitere Varianten der Baureihe waren das Kaliber 42 und das Kaliber 44, die für unterschiedliche Einsatzzwecke und Gehäuseformate ausgelegt waren.
Welche Kaliber heute zum Einsatz kommen
Heutige Hanhart-Armbanduhren wie die Pioneer-Linie verwenden Werke von Sellita – konkret eine modifizierte Version des SW500/SW510. Die entscheidende Besonderheit: Die Eindrücker-Funktion des historischen Kalibers 40 stellt Hanhart durch eine eigene Bearbeitung in Gütenbach wieder her. Mit einer Senkerodiermaschine (EDM-Verfahren) wird eine Standardkomponente des SW500 so bearbeitet, dass Start, Stopp und Rückstellung wieder über einen einzigen Drücker funktionieren.

Das Schaltrad des Flyback-Chronographen von Sellita ist gebläut.
Diese Fertigung findet in demselben Gebäude statt, in dem Hanhart seit 1934 produziert. Im Segment der mechanischen Stoppuhren geht Hanhart noch weiter. Dort produziert das Unternehmen echte Manufakturkaliber mit rund 90 Prozent Wertschöpfung bei über 170 Komponenten. Damit ist Hanhart weltweit einer von nur noch drei verbliebenen Herstellern mechanischer Stoppuhren – neben Agat (Russland) und Shanghai Diamond Stopwatch.
Die 417 ES und der »King of Cool«
In den 1950er Jahren wurde Hanhart zum Hauptlieferanten für die neu gegründete deutsche Bundeswehr.
Das Modell 417 ES war der erste Fliegerchronograph der Streitkräfte und wurde für fast zehn Jahre produziert, bevor sich Hanhart ab 1963 wieder verstärkt auf Handstoppuhren konzentrierte. Die 417 ES erreichte jedoch weit über das Militär hinaus Kultstatus, und das verdankt sie keinem Geringeren als Steve McQueen.
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
Der »King of Cool« trug die Hanhart 417 ES privat an einem breiten Leder-Unterlagenband (Cuff Strap). Seine Zuneigung zu dieser Uhr war besonders beim International Six Days Trial (ISDT) 1964 sichtbar, wo er als Teil des US-Enduro-Teams antrat – die Hanhart fest an seinem Handgelenk.
Ein Schweizer Intermezzo
Ein umfassender Versuch, Hanhart neu zu erfinden, kam 2010 aus der Schweiz. Am 1. Oktober übernahm Thomas Morf – zuvor CEO von Carl F. Bucherer – die Geschäftsführung und wurde gleichzeitig Mitaktionär. Im Hintergrund stand die Schweizer Gaydoul Group AG als neuer Mehrheitsgesellschafter. Morfs erste symbolische Geste: die Rückkehr des Verwaltungssitzes nach Diessenhofen – genau dorthin, wo Johann Adolf Hanhart die Marke 1882 gegründet hatte. Eine bewusste Rückbesinnung auf die Schweizer Wurzeln, während die Produktion weiterhin im Schwarzwälder Gütenbach blieb.
Parallel zur Pioneer-Familie ergänzte Hanhart auf der Baselworld 2010 die Primus als eine zweite Kollektion. Die Ambitionen waren groß, die Phase war kurz. 2014 wurde Hanhart AG an einen Investor verkauft, noch im selben Jahr folgte die Insolvenz. Das Uhrmachergeschäft wurde in die neu gegründete Hanhart 1882 GmbH überführt, Anfang 2016 auch die Stoppuhren-KG.
Seitdem läuft alles unter einem Dach – und der Verwaltungssitz ist längst wieder dort, wo die Uhren gebaut werden: in Gütenbach. Heute erlebt die Marke eine spannende Renaissance. Die Neuauflagen der 417 ES und andere Heritage-Modelle sind bei Sammlern extrem beliebt, da sie das Erbe von McQueen und die historische Militärpräzision passend in die Moderne transportieren.
Hanhart zelebriert mit der Rückkehr dieses Chronographen ein echtes Stück Uhren- und Hollywood-Geschichte. Die Marke profitiert von einer treuen, technikaffinen Sammlergemeinschaft – besonders in Deutschland und den USA.







Hinterlasse einen Kommentar