Es gibt Messen, und es gibt Momente, die eine Branche neu definieren. Die Watches and Wonders in Genf – einstmals ein exklusiver Zirkel weniger Auserwählter, heute das bedeutendste Schaufenster der Haute Horlogerie – ist beides zugleich.
Was 1991 als bewusster Gegenentwurf zum Massenspektakel in Basel begann, hat sich in 35 Jahren zur unangefochtenen Welthauptstadt der Feinuhrmacherei entwickelt.
Baselworld: Der Gigant aus dem Norden
Um die Genfer Messe zu verstehen, muss man zuerst nach Basel blicken. Dort wurde 1917, im Rahmen der Schweizer Mustermesse, erstmals eine Abteilung für Uhren und Schmuck eingerichtet – bescheiden, kaum sichtbar zwischen Industrieprodukten aller Art. Doch das Segment wuchs. 1931 erhielt die Uhrenbranche einen eigenen Pavillon, 1963 zog die Messe in das neu gebaute Messegelände um, und spätestens in den 1980er-Jahren war die Baselworld, wie sie ab 2003 offiziell hieß, das unbestrittene Zentrum des globalen Uhrenhandels.
Jahrzehntelang pilgerte die gesamte Branche einmal im Jahr ans Rheinknie: Hersteller, Händler, Einkäufer, Journalisten, Sammler. Es gab keine Alternative, keinen Plan B. Rolex, Patek Philippe, Omega, Longines, TAG Heuer – alle waren dabei.
Die Baselworld war nicht bloß eine Messe, sie war ein Jahresritual, ein Pflichttermin, ein globales Stelldichein. Auf dem Höhepunkt belegte die Swatch Group allein einen Messestand, dessen Aufbau rund 50 Millionen Schweizerfranken kostete.
Der Ursprung des SIHH: Ein Salon für Eingeweihte
Doch nicht alle waren glücklich in Basel. Die Stimmung in der Luxussegmentspitze war zunehmend angespannt. Die Messe, die Uhren für 50 Euro und Uhren für 500.000 Euro unter einem Dach vereinte, schien manchen Haute-Horlogerie-Häusern nicht das richtige Umfeld.
Alain-Dominique Perrin, damals Präsident der Vendôme-Gruppe – der einstigen Luxussparte des Richemont-Konzerns – zog die Konsequenz. Im Januar 1991 öffnete in Genf erstmals der Salon International de la Haute Horlogerie seine Türen, kurz SIHH. Fünf Marken waren dabei: Cartier, Baume & Mercier, Piaget sowie die unabhängigen Häuser Gérald Genta und Daniel Roth. Die Ausstellungsfläche betrug gerade einmal 1.000 Quadratmeter.
Der Zugang war streng geregelt – nur Fachhändler, Journalisten und geladene Gäste. Kein Publikum, kein Massenbetrieb. Der SIHH war ein Salon im ursprünglichen Sinne des Wortes: exklusiv, atmosphärisch, bewusst von der Welt der breiten Öffentlichkeit abgeschirmt. In den Folgejahren wuchs das Feld. Franck Muller stieß hinzu,
Audemars Piguet, Parmigiani Fleurier – und Schritt für Schritt auch die übrigen Marken, die Richemont im Laufe der 1990er- und 2000er-Jahre akquirierte: A. Lange & Söhne, IWC Schaffhausen, Jaeger-LeCoultre, Vacheron Constantin, Panerai, Roger Dubuis. Bis 2015 hatte die Messe 16 Aussteller – ein überschaubares Feld, das aber das absolute Sahnehäubchen der Branche repräsentierte.
Der Name reist nach Osten: Hongkong 2013
Was viele nicht wissen: Der Name »Watches and Wonders« taucht nicht erst 2020 auf. Er wurde 2013 in Asien entwickelt – als der damalige Organisator des Salons, die Fondation de la Haute Horlogerie FHH erkannte, dass der chinesische Markt zu bedeutend geworden war, um ihn mit einer einzigen westlichen Messe abzudecken.
Im September 2013 öffnete im Hong Kong Convention and Exhibition Centre die erste Ausgabe der Watches and Wonders Hongkong – offiziell die erste Haute-Horlogerie-Ausstellung in Asien überhaupt.
13 Marken nahmen teil, darunter Cartier, IWC Schafhausen, Jaeger-LeCoultre und Vacheron Constantin. Das Konzept: weniger Handel, mehr Erlebnis – eine Brücke zwischen der europäischen Manufakturwelt und dem boomenden asiatischen Sammlermarkt. 2014 folgte eine zweite Ausgabe in Hongkong, bevor das Format vorerst ruhte und später in veränderter Form nach Shanghai wanderte.
Das Ende von Baselworld – und die Neuerfindung des SIHH
In Basel begann ab 2018 das große Bröckeln. Im Juli 2018 verkündete Swatch-CEO Nick Hayek den Austritt seiner gesamten Gruppe – 18 Marken, darunter Omega, Longines und Tissot – aus der Baselworld, zunächst ab 2019. Die Begründung: zu hohe Kosten, zu wenig Gegenwert. Die Schockwelle war gewaltig.
Kurz darauf, im Dezember 2018, verkündeten Rolex, Patek Philippe, Chopard und Chanel ihren Austritt. Damit war der Kern der Messe faktisch zerstört. Die Covid-19-Pandemie besorgte den Rest. Die Baselworld 2020 wurde zunächst verschoben, dann abgesagt. Eine Ausgabe 2021 fand nie statt.
Im November 2021 gab die Messe die Absage der Ausgabe 2022 bekannt – und damit war stillschweigend klar: Baselworld als Institution der Uhrenindustrie existiert nicht mehr. Parallel dazu vollzog sich in Genf ein gezielter Neustart. Im Oktober 2019 – zu einem Zeitpunkt, als Basels Schicksal noch nicht besiegelt, aber schon absehbar war – gaben die Verantwortlichen des SIHH bekannt, dass die Messe ab 2020 unter neuem Namen auftreten würde: als Watches and Wonders Geneva.
Bewusst knüpfte man damit an das erfolgreiche Asienprojekt von 2013 an. Gleichzeitig wurde der Termin vom Januar in den April verschoben – just dorthin, wo die Baselworld traditionell stattfand. Die geplante Premierenausgabe unter dem neuen Namen im April 2020 musste allerdings als physische Messe wegen der Pandemie ausfallen. Auch 2021 fanden die Präsentationen nur in virtueller Form statt.
Eine neue Stiftung trägt den Salon
2022 kehrte die Messe als Präsenzveranstaltung zurück – und vollzog einen weiteren, strukturell entscheidenden Schritt. Im September 2022 wurde die Watches and Wonders Geneva Foundation (WWGF) als eigenständige, gemeinnützige Stiftung gegründet.
Gründungsinitiative: Rolex, Richemont und Patek Philippe. Drei konkurrierende Schwergewichte, die sich für die Interessen der gesamten Branche zusammentaten. Den Stiftungsrat leitet Cyrille Vigneron, ehemaliger CEO von Cartier, der in diese Position 2024 auf Jean-Frédérique Dufour, den Präsidenten von Rolex folgte; Vize ist Claude Peny von Patek Philippe. Im Sommer 2024 erweiterte sich der Kreis der Stiftungsratsmitglieder um drei weitere große Namen: Chanel, Hermès und LVMH.

Die Welt des Luxus zieht auch die Prominenz an. Gisele Buendchen wird von Chris Grainger-Herr, CEO von IWC Schaffhausen zum Stand geführt.
Damit sitzen heute die wichtigsten Konzerngruppen der Luxusuhrenwelt gemeinsam am Tisch – ein Zeichen dafür, wie sehr die Watches and Wonders Geneva die frühere Zersplitterung der Branche überwunden hat. Für 2026 versammelt die Messe – vom 14. bis 20. April am Palexpo in Genf – 66 Uhrmacherhäuser, darunter Rolex und Tudor, Patek Philippe, alle relevanten Richemont-Marken, TAG Heuer, Grand Seiko, Hublot, Nomos Glashütte und viele mehr.
Erstmals kehrt in diesem Jahr auch Audemars Piguet zurück, nachdem die Marke aus Le Brassus zeitweilig eigene Wege gegangen war. Gemeinsam mit Richard Mille hatte die Marke aus Le Brassus schon im Januar 2019 mit der SIHH die Vorgängerveranstaltung verlassen. Richard Mille bleibt weiterhin fern, ebenso nehmen Montblanc und Bell & Ross seit diesem Jahr nicht mehr teil.
Die hartnäckigen Abwesenden
Doch wer fehlt – und das ist für die Einordnung der Messe ebenso aufschlussreich wie die Liste der Teilnehmer? Die auffälligste Lücke bildet die Swatch Group. Omega, Longines, Tissot, Rado, Hamilton – keine einzige der insgesamt über zwanzig Marken des weltgrößten Uhrenherstellers ist in Genf vertreten.
Die Swatch Group setzt seit dem Rückzug aus Basel auf eigene Formate – und macht damit deutlich, dass sie die Deutungshoheit über ihre Neuheiten nicht an eine externe Plattform abgeben will. Ebenfalls absent: neben Breitling eine Reihe mittelgroßer Marken und Nischenhäuser, die sich auf andere Formate konzentrieren.
Für die Watches and Wonders bedeutet das: Sie ist groß und wächst, aber sie bildet die Uhrenbranche noch immer nicht vollständig ab. Die Swatch Group allein repräsentiert nach Volumen und Markenzahl einen erheblichen Teil des globalen Uhrenmarktes – ihr Fernbleiben ist keine Kleinigkeit.
Vom exklusiven Salon zur großen Bühne
Was 1991 als geschlossener Kreis von fünf Marken auf tausend Quadratmetern begann, hat sich in 35 Jahren zur zentralen Bühne der globalen Haute Horlogerie entwickelt. Die Watches and Wonders Geneva verbindet heute die Genfer Tradition und das deutsche Glashütte, das unabhängige Familienunternehmen und den multinationalen Konzern. Die Zahlen sprechen für sich: 2025 verzeichnete die Messe mit über 55.000 Besuchern den höchsten Zuspruch ihrer Geschichte – ein Plus von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Messe hat Basel nicht nur beerbt – sie hat das Format neu gedacht. Mit öffentlichen Tagen, Stadtveranstaltungen im Rahmen des Formats »In the City«, Satellitenveranstaltungen in Shanghai und Hainan und einer professionell aufgestellten Stiftung ist Watches and Wonders heute weit mehr als eine Handelsmesse. Sie ist der Kulminationspunkt, an dem sich eine ganze Industrie orientiert.
















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