Die zur Swatch Group gehörende Marke Tissot bietet auch ein großes Portfolio an mechanisch angetriebenen Modellen. In deren Zentrum spielt ein Kaliber namens Powermatic 80 dabei seit 2013 eine große Rolle. Was zunächst nach Marketing klingt, erweist sich als ernstzunehmender technischer Fortschritt.
Von der Eterna zum Konzernkaliber
Das Powermatic 80 trägt intern die Bezeichnung ETA C07.111 in der Basisversion beziehungsweise C07.611 in der aktuellen Ausführung mit Nivachron-Spirale. Der Stammbaum führt direkt zum ETA 2824-2, das seinerseits auf das Eterna 1427 von 1955 zurückgeht.

Das ETA 2824 und 2824-2 waren über vier Jahrzehnte in Produktion und werden auf eine zweistellige Millionenstückzahl geschätzt.
Das 2824-2 war jahrzehntelang das meistgebaute Schweizer Automatikwerk überhaupt – robust, günstig herzustellen und in Tausenden Modellen verbaut.
Der Anstoß zur Entwicklung
Die Entscheidung für eine Neuentwicklung hatte drei Gründe: Das Patent des 2824-2 lief aus, der Wettbewerb aus Asien wurde schärfer, und die Swatch Group wollte ein Werk, das ausschließlich konzerneigenen Marken vorbehalten bleibt. Das Ergebnis: ein Kaliber mit identischen Außenmaßen – Durchmesser 25,60 Millimeter, Bauhöhe 4,60 Millimeter – aber grundlegend überarbeiteter Technik.
Kein Rücker – Regulierung per Laser
Die radikalste Änderung am Powermatic 80 ist unsichtbar: Der traditionelle Rücker, mit dem ein Uhrmacher die Ganggenauigkeit einstellt, wurde ersatzlos gestrichen. ETA justiert das Werk einmalig per Laser in der Fertigung. Das gesamte Regulierorgan kommt als austauschbares Modul ins Kaliber.
Der Vorteil ist erheblich: reproduzierbar hohe Präzision ohne Handarbeit, Gangwerte nahe der Chronometer-Toleranz – ohne formelle COSC-Zertifizierung. Der Nachteil ist ebenso eindeutig: Kein unabhängiger Uhrmacher kann das Werk nachjustieren. Liegt eine Uhr außerhalb der Toleranz, wird das Modul ersetzt, nicht reguliert.
Frequenz, Gangautonomie und der Sekundenzeiger
Um 80 Stunden Gangautonomie zu erzielen, wurde die Frequenz auf 21.600 Halbschwingungen pro Stunde – drei Hertz – gesenkt. Das 2824-2 läuft mit 28.800 Halbschwingungen. Die niedrigere Schlagzahl reduziert den Energieverbrauch erheblich. Das hat einen sichtbaren Nebeneffekt: Der Sekundenzeiger bewegt sich in sechs Schritten pro Sekunde statt in acht – für manche Uhrenträger merklich ruckiger als ein Hochfrequenzwerk. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt im Gegenzug eine Uhr, die drei Tage liegen kann, ohne aufgezoge zu werden. Denn ein optimiertes Federhaus tut sein Übriges: Eine Verringerung des Durchmessers des Federhauskerns ermöglicht es, die Zugfeder noch weiter zu verlängern und damit die Gangreserve zu erhöhen.
ARCAP und Nivachron
Platinen und Brücken des Powermatic 80 bestehen aus ARCAP – einer antimagnetischen Sonderlegierung auf Kupfer-Nickel-Basis –, die das Werk gegenüber Magnetfeldern deutlich widerstandsfähiger macht als herkömmliche Stahlwerke.
In der aktuellen Werkgeneration – darunter das C07.611 der Tissot Gentleman 38 – kommt eine Nivachron-Spirale aus Titan-Niob hinzu. Nivachron ist unmagnetisch, temperaturstabil und stoßresistenter als Stahl. Damit kombiniert das C07.611 zwei Schutzmechanismen gegen die häufigsten Gangfeinde des Alltags.
Wer das Kaliber nutzt – kein Verkauf an Dritte
Das Powermatic 80 ist Konzernware: keine externe Lieferung, kein Verkauf an Dritte. Tissot und Certina schreiben »Powermatic 80« auf das Zifferblatt und machen das Kaliber zum Verkaufsargument. Mido und Hamilton setzen dieselbe Werksfamilie ein, ohne das Branding nach außen zu tragen – der Schriftzug fehlt auf dem Zifferblatt. Rado nutzt das Kaliber in ausgewählten Modellen ebenfalls. Ausdrücklich nicht vertreten ist Longines: Die Marke setzt auf exklusive ETA-Werke einer anderen Qualitätsstufe.

Das Mido Caliber 80 Si der Swatch Group ist mit einer Siliziumspirale ausgestattet.
Die technischen Unterschiede zwischen den Marken sind minimal. Der einzig wesentliche: Modelle mit Nivachron-Spirale (C07.611) bieten mehr Magnetresistenz als ältere Varianten mit Stahlspirale. Rotor-Design und Oberflächenveredelung variieren – die Funktion berühren sie nicht.
Blick zurück: Ein Jahrzehnt Lieferstreit
Parallel zur Entwicklung des Powermatic 80 spielte sich ein regulatorischer Machtkampf ab. ETA kündigte 2002 an, externe Lieferungen schrittweise einzustellen. Die Schweizer Wettbewerbskommission WEKO zwang ETA per Verfügung zur Weiterlieferung bis Ende 2019.

Das Sellita SW200-1 wurde zur Alternative des EAT 2824-2. In der höchsten Stufe D4 ist es mit Genfer Streifen und gebläuten Schrauben ausgestattet.
Im Dezember 2019 untersagte die COMCO Lieferungen an Großmarken, erlaubte sie aber weiterhin an kleine und mittlere Unternehmen. 2020 entfiel die Lieferpflicht vollständig – ETA entscheidet seitdem selbst. Das Ergebnis ist bekannt: Sellita wurde zur wichtigsten Alternative der unabhängigen Uhrenindustrie. Der Schweizer Rohwerkslieferant bietet mit dem SW200 einen nahezu baugleichen Ersatz zum ETA 2824-2 – viele Marken, die früher auf ETA setzten, haben längst umgestellt.
TECHNISCHE SPEZIFIKATIONEN | ETA C07.611 · POWERMATIC 80
| ⚙️ | Kaliber | – C07.611 (Powermatic 80) |
| 🔄 | Aufzug | – Automatik, bidirektional |
| 🎯 | Frequenz | – 21.600 Halbschwingungen pro Stunde (3 Hz) |
| 🔋 | Gangautonomie | – 80 Stunden |
| 💎 | Lagersteine | – 25 |
| 🌀 | Spirale | – Nivachron (Titan-Niob-Legierung) |
| 🔧 | Regulierung | – Laserregulierung, modular, ohne Rücker |
| 🧲 | Magnetfestigkeit | – ARCAP-Legierung (antimagnetisch) |
| 📐 | Maße | – Durchmesser 25,60 Millimeter, Bauhöhe 4,60 Millimeter |
| 🏭 | Hersteller | – ETA SA, Grenchen/Schweiz |


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