Viele Marken in der Schweizer Uhrenindustrie stellen sich gern stolz mit ihrem Alter vor. Das ist bequem, greift aber zu kurz. Interessant an Favre Leuba ist nicht nur, dass der Name bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, sondern dass die Marke in ihren besten Jahren dort stark war, wo Uhrmacherei über Repräsentation hinausging: bei funktionalen Instrumentenuhren für Höhe, Tiefe und härtere Einsätze.
Der Ursprung reicht bis 1718 zurück, als Abraham Favre im Alter von 16 Jahren bei Daniel Gagnebin eine Lehre begann. 1737 wurde er in Le Locle erstmals als selbstständiger Uhrmacher erwähnt – dieses Datum gilt bis heute als historischer Ausgangspunkt der Marke.
Um 1749 war Favre bereits Maître horloger du Locle. Das zeigt, wie früh sich der Name in einer Region etablierte, die später zu einem Zentrum der Schweizer Uhrmacherei werden sollte.
Frühe Internationalisierung
Im 19. Jahrhundert wuchs aus der Werkstatt ein Unternehmen mit internationalem Horizont. Der Urenkel Henry-August Favre reiste durch Europa, Russland sowie Nord- und Südamerika, um die Taschenuhren des Hauses in entfernten Märkten bekannt zu machen.
Hinzu kamen Auszeichnungen auf internationalen Ausstellungen, etwa in London, New York und Paris. Favre Leuba war also schon früh mehr als ein lokaler Hersteller aus dem Neuenburger Jura.

In den 1760er Jahren begann unter anderem eine Zusammenarbeit mit Abraham-Louis Breguet.
Besonders wichtig wurde Indien. 1865 brachte Fritz Favre die Marke als erste Schweizer Uhrenfirma auf den indischen Markt. Dieser Schritt war von erheblicher Tragweite, weil Favre Leuba dort nicht nur früh präsent war, sondern sich über lange Zeit eine außergewöhnlich starke Position aufbaute. Um die heutige Stellung der Marke zu verstehen, muss dieser indische Strang ihrer Geschichte mitgedacht werden.
1896 zog Favre Leuba von Le Locle nach Genf um. Unter Henri Favre Leuba, der ab 1908 die Führung übernahm, wurde die internationale Ausrichtung weiter gestärkt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte das Unternehmen von seiner festen Stellung in Indien und baute zugleich die Präsenz in anderen Märkten wieder aus.

Favre Leuba erhielt viele internationale Auszeichnungen: London (1851), New York (1853), Paris (1855), Bern (1857), and Porto (1865).
Niederlassungen in Hamburg, London, Rangoon, Karachi, Singapur und New York zeigen, dass Favre Leuba damals eine andere Größenordnung hatte, als man heute vielleicht vermuten würde.

Das Handaufzugkaliber FL 101 war mit drei Hertz getaktet und besaß eine große Unruh.
In technischer Hinsicht wurde die Marke vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren interessant. 1955 stellte Favre Leuba mit dem FL101 ein eigenes Kaliber vor, das unter anderem in Sea Chief, Sea King und Sea Raider eingesetzt wurde. Schon diese Modellnamen verraten die Richtung: Favre Leuba suchte das Profil nicht in der feinen Abenduhr, sondern in robusten, funktionsorientierten Armbanduhren.
1960 erschien mit der Water Deep die erste Taucheruhr der Marke, 1964 folgte die bis 200 Meter wasserdichte Deep Blue. Ihren eigentlichen Platz in der Uhrengeschichte verdankt Favre Leuba aber der Bivouac von 1962. Sie gilt als die erste mechanische Armbanduhr mit Aneroidbarometer zur Anzeige von Höhe und Luftdruck.
Das war keine dekorative Komplikation, sondern ein echtes Werkzeug für Alpinisten, Fallschirmspringer und Expeditionsreisende. Namen wie Walter Bonatti oder Paul-Émile Victor verleihen dieser Uhr zusätzliche historische Schärfe, entscheidend ist aber etwas anderes: Favre Leuba hatte damals eine klare technische Idee davon, was eine Armbanduhr leisten kann.
Noch konsequenter wirkte 1968 die Bathy. Sie zeigte nicht nur die Tauchzeit, sondern auch die aktuelle Tauchtiefe an – mechanisch. Genau in solchen Uhren liegt die historische Bedeutung der Marke. Favre Leuba dachte Komplikation nicht als Selbstzweck, sondern als Lösung für konkrete Anforderungen. Das unterscheidet die Marke bis heute von vielen Heritage-Erzählungen, die sich vor allem auf schöne Archive und gefällige Zitate stützen.
Schwestermarke von Jaeger-LeCoultre
Auch die 1970er-Jahre sind einen zweiten Blick wert. 1969 wurden Favre Leuba und Jaeger-LeCoultre Schwesterunternehmen, nachdem Georges Favre die SAPIC-Gruppe übernommen hatte. Laut Markenchronik entstanden in diesem Zusammenhang auch Modelle mit Reverso- und Memovox-Bezug unter Favre-Leuba-Signatur.
Gleichzeitig bewegte sich die Gestaltung deutlich in Richtung jener kantigen, kissenförmigen Formensprache, die für die 1970er typisch war. Modelle wie Sea Raider, Memo Raider oder Sea Sky versuchen diesen Zeitgeist bis heute zu transportieren. Dann kam der Bruch. Wie viele Schweizer Hersteller geriet auch Favre Leuba in der Quarzkrise unter Druck. Die Familie verkaufte die Marke in den 1980er-Jahren, danach wechselten die Eigentümer mehrfach. Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zu den großen, durchlaufend gepflegten Namen der Branche: Favre Leuba verfügt zwar über eine starke Vergangenheit, aber nicht über eine ungebrochene moderne Entwicklungslinie. Das macht die Marke historisch spannend, strategisch aber auch anspruchsvoll.
Ein erster Versuch des Neustarts
Ein neuerer Wiederbelebungsversuch begann 2016 mit der Raider Harpoon und wurde 2017 mit der Bivouac 9000 fortgesetzt.
Der eigentliche Neustart erfolgte jedoch 2024 bei den Geneva Watch Days. Dort trat Favre Leuba mit mehreren Kollektionen an, die deutlich auf das historische Material der Marke zurückgriffen: Chief, Deep Raider und Sea Sky.
2025 kamen unter anderem das Chief Tourbillon Sablier Dial in Zusammenarbeit mit Jean‑François Mojon sowie die Chief Skeleton hinzu. 2026 folgte das Debüt bei Watches and Wonders mit den Linien Harpoon und 1737.
Heute wird Favre Leuba über die Schweizer Silvercity Brands AG gehalten, die seit 2025 mehrheitlich von der indischen KDDL-Gruppe kontrolliert wird. An der Spitze der Marke steht Patrik Hoffmann als CEO und Chairman.
Das ist insofern bemerkenswert, als sich in der heutigen Struktur zwei historische Konstanten spiegeln: Schweizer Management und die anhaltende Bedeutung Indiens für die Marke. Damit ist Favre Leuba heute vor allem ein Fall für die genaue Beobachtung. Die Marke hat genügend Substanz für weit mehr als bloße Heritage-Rhetorik.

Das automatische Chronographen-Werk FLC01 von Favre Leuba entstand in Zusammenarbeit mit La Joux-Perret.
Bivouac, Bathy, Sea Sky oder Deep Blue sind keine nachträglich erfundenen Legenden, sondern reale Ankerpunkte einer eigenständigen Geschichte. Entscheidend wird sein, ob daraus mehr entsteht als eine gut kuratierte Rückschau – nämlich eine zeitgemäße Kollektion mit erkennbarem Profil und längerem Atem.












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