Die Bezeichnung Skelettuhren wird der Kunst nicht gerecht, die dahinter steckt.. Ein Werk zu skelettieren bedeutet mehr, als es nur zu entblößen. Das vorsichtige Entfernen von Material im Uhrwerk, ohne dessen Funktionalität und Stabilität zu gefährden, führt zu ungewöhnlichen Einsichten und macht dem Auge die filigrane Konstruktion transparent. Als erster Uhrmacher wagte André Charles Caron (1698–1775) das Experiment. Er war von 1720 bis 1760 Hofuhrmacher des französischen Königs Louis XV und der Vater von Beaumarchais, der später ebenfalls als Hofuhrmacher und Schriftsteller reüssierte und mit der Komödie »Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit« auch Mozart eine Vorlage für dessen Oper lieferte. Aber zurück zur Kunst des Skelettierens.

Skelettuhren waren eine vergessene Handwerkskunst

Sie geriet für lange Jahre in Vergessenheit. Doch die Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren erreichte auch die bis dahin verwöhnte Schweizer Uhrenindustrie und in den Tälern des Jura verschafften Kurzarbeit und Produkt den Handwerkern viel Muße zum Nachdenken. So fanden einige findige Tüftler im Skelettieren herkömmlicher Uhrwerke eine auskömmliche Nische. Mit einer Nadel werden dafür zunächst die Umrisse des geplanten Skeletts markiert. Nach Anbringen feiner Bohrlöcher wird dort mit einer Art Laubsäge die Kontur heraus gearbeitet, um das entbehrliche Material zu entfernen.

Handwerkliches Können und uhrmacherisches Wissen sind gleichermaßen gefragt

Dazu braucht es viel Geduld und handwerkliches Geschick – aber auch uhrmacherische Kenntnisse, wie weit die Skelettierung gehen darf, ohne die Funktionalität des filigranen Uhrwerks zu gefährden. Für eine optimale Durchsicht auf das Werk gilt es auch, kongruent zu arbeiten, so dass Ausschnitte auf verschiedenen Ebenen deckungsgleich übereinander liegen. Unterschiedliche Verfahren gibt es bei der weiteren Verschönerung und Verzierung der Skelettwerke.

Eine Skelettuhr aus der Pforzheimer Werkstatt von Jochen Benzinger.

Eine Skelettuhr aus der Pforzheimer Werkstatt von Jochen Benzinger.

Bei Jochen Benzinger in Pforzheim, einem der renommiertesten Werkveredler in Deutschland, der hinter vielen bekannten Schöpfungen steht, werden Gravuren vor dem Skelettieren aufgebracht, da die extrem feinen Strukturen anschließend zu schwach wären, um mit dem für das Gravieren notwendigen Kraftaufwand behandelt zu werden. Denn, darauf weist Benzinger stolz hin, seine Skelettierungen verändern auch das Aussehen der Werke, da er auch die Außenformen der Platinen und Brücken umgestaltet. Werden nur die innenliegenden Strukturen verändert, ist auch im Nachgang noch ein Gravieren oder Guillochieren möglich. Dazu später mehr. Immer jedoch gilt es, die entstandenen Kanten zu brechen.

Stefan Kudoke beim Skelettieren eines Kudoke-Modells.

Stefan Kudoke beim Skelettieren eines Kudoke-Modells.

So auch bei Stefan Kudoke, der sich mit skelettierten Uhren unter eigenem Namen einen solchen gemacht hat und mittlerweile so gar ein eigenes Manufakturkaliber fertigt. Beim so genannten Anglieren werden die Kanten der Werkskomponenten in einem 45-Grad-Winkel abgeschliffen. Die angebrachte Schräge wird als Fase bezeichnet. Der Vorgang ist daher auch als Abfasen bekannt.

Das Abschrägen der Kanten in einem 45-Grad-Winkel wird auch als Angliedern bezeichnet.

Das Abschrägen der Kanten in einem 45-Grad-Winkel wird auch als Anglieren bezeichnet.

Zunächst werden die Flanken des Werkstückes mit einer auf dessen Dimensionen angepassten Feile bearbeitet und die in Querrichtung entstandenen Feilstriche durch Bearbeitung in Längsrichtung beseitigt. Dabei ist viel Geschick und Erfahrung gefragt: Vor allem dürfen keine Wellen in der Fase entstehen. Danach wird die Oberfläche mit einem abgestimmten Schleifstein behandelt und im Verlauf nach und nach immer feinere Schleifmittel verwendet. Bei der Arbeit mit diesen Schmirgelfeilen bedarf es äußerster Sorgfalt, um die Kanten nicht versehentlich abzurunden.

Eine Skelettuhr erfordert höchste Oberflächenveredelung

Vor dem Glanzschleifen müssen alle Oberflächen mit besonderer Aufmerksamkeit gereinigt werden, um die bisher so filigran bearbeitete Oberfläche nicht mit verbliebenen Schleifrückständen erneut zu verkratzen. Das Glanzschleifen ist ein Polierverfahren, bei dem ein Werkzeug aus gehärtetem Stahl das Material glättet. Als Letztes wird die Fase mit einem Polierholz und mithilfe einer Diamantpaste auf Hochglanz und zu ihrer finalen Schönheit poliert. Diese Hochglanzpolitur kontrastiert anschließend sehr schön mit der feinen Satinierung anderer Flächen. Diese matt wirkenden Oberflächen werden in mehreren Durchgängen mit immer feiner werdenden Schleifmitteln herausgearbeitet. Daraus ergibt sich ein eindrucksvolles Zusammenspiel der Lichteffekte auf der feinen Skelettstruktur.

Darauf achtet der Kenner bei Skelettuhren

Der Fachmann achtet bei Skelettierungen besonders auf die eingezogenen Ecken. Sie sind äußerst schwer zu bearbeiten. Die Schnittstelle, welche am Zusammenstoß der Fasen entsteht, muss schnurgerade am Kreuzungspunkt der beiden Kantenlinien verlaufen. Das gilt auch für vorspringende Ecken. Diese müssen scharfkantig ausgeführt sein. Erscheinen die Ecken abgerundet, zeugt das nicht gerade von hoher handwerklicher Kunst. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sie maschinell herausgefräst wurden. Beim Fräsen bestimmt die Dicke des Werkzeuges das Erscheinungsbild besonders der innen liegenden Kanten eingezogener Ecken, sie werden immer leicht rundlich ausfallen.

Die Renaissance der Mechanischen Uhr

Mit der Renaissance der mechanischen Armbanduhr in den 1980er Jahren erfreute sich auch das Skelettieren wieder großer Beliebtheit und fast jede große Marke hatte ein entsprechendes Angebot an Skelettuhren in ihrem Programm. Patek Philippe mit der Referenz 5180, Breguet mit der Referenz 5395BR und Vacheron Constantin mit der Referenz 89010 bieten bis heute entsprechende Modelle.

Der hohe Zeitaufwand und die notwendige handwerkliche Detailarbeit und Präzision lassen damals wie heute nur geringe Stückzahlen zu. Mit dem Skelettieren erlebten auch andere Handwerkskünste wie Guillochieren oder Gravieren eine Renaissance. Oft werden diese Techniken auch mit einer Skelettierung verbunden, um sich durch die Summe der handwerklichen Bearbeitung von den Werken anderer Hersteller abzuheben.

Skelettuhren gehören zum Design der Konstruktion

Für die Freunde der Mechanik, welche den Ein- und Durchblick in das Werk schätzen, bieten sich aber seit den 1990er Jahren neue Lösungen an. Die Uhrenindustrie öffnete sich zu dieser Zeit computergestützten Methoden, sowohl in der Konstruktion als auch in der Fertigung. Entworfen wird nicht mehr am Reißbrett, sondern am Computer. Die Drehbank wird ersetzt durch computergestützte Drehautomaten und mehrachsige Fräsmaschinen. Und bei der so genannten Elektroerosion wird ein leitender Faden durch ein oder gleich mehrere Werkstücke geührt. Durch Anlegen einer hohen Spannung entsteht ein Lichtbogen und mit diesem durchschneidet der Faden berührungsfrei wie eine Laubsäge das Material. In der Folge ergeben sich neue konstruktive Möglichkeiten, den Werken filigrane Leichtigkeit und Transparenz zu verschaffen. Statt das Material im Nachhinein aufwendig zu entfernen, versucht man bereits bei der Konstruktion, möglichst sparsam damit umzugehen. Dadurch entsteht eine völlig andere Ästhetik, die in jüngster Zeit viel zur Popularität von Skelettuhren beigetragen hat.

Das Werk von Roger Dubuis ist als Skelettuhr konstruiert.

Das Werk von Roger Dubuis ist als Skelettuhr konstruiert.

Bei der Genfer Marke Roger Dubuis, deren Modelle alle das traditionsreiche Genfer Siegel tragen, sind unskelettierte Uhren beinahe schon die Ausnahme. Besonders die expressiven Modelle der Excalibur-Familie sorgen für große Aufmerksamkeit, indem sie das Werk auf architektonische Streben reduzieren und die Hemmung oder das Tourbillon sowie das Federhaus nahezu schwebend inszenieren. Die Skelettstruktur ist zur Bildsprache der Kollektion geworden. Die Streben bilden ein fünfzackiges Sternenmotiv, das modellübergreifend eine familieneigene Identität schafft.

Die Skelettuhr hat die Nische erfolgreich verlassen

Die extremen Strukturen, die im Kontrast zu Räderwerk, Federhaus, Automatikrotor und Hemmung stehen, verlangen den Einsatz von Karbon oder Titan, was die Herausforderungen in der Produktion noch erhöht. Vergleichbar konsequent greift Cartier beispielsweise bei der Konstruktion der Santos Dumont das Thema Skelettierung auf.

Skelettuhren von Cartier

Die skelettierte Santos von Cartier unterstreicht mit Leuchtfarbe die Streben ihres Werkes.

Die Designer verwandeln die markentypischen römischen Ziffern zu tragenden Elementen der Konstruktion, so gelingt ihnen das Kunststück, bei einer zifferblattlosen Lösung dennoch das Gesicht einer Cartier-Uhr zu erschaffen. Auch Girard-Perregaux legt Hand an seine Ikone an. Die skelettierte Laureato, eine sportliche Luxusuhr aus den 1970er Jahren, zeigt exemplarisch, welche kunstvolle Spannung zwischen den modernen, geometrischen Formen ihres Gehäuses und der klassischen geschwungenen Gestaltung des offen gelegten Werkes entstehen kann.

Skelettuhren von Girard-Perregaux

Die Laureato von Girard-Perregaux als Skelettuhr.

Die anthrazitgraue Beschichtung des Werkes setzt einen Kontrapunkt zu den traditionellen, ornamentalen Verzierungen.

Auch die Carrera von TAG Heuert wird als Skelettuhr angeboten.

Auch die Carrera von TAG Heuert wird als Skelettuhr angeboten.

TAG Heuer macht beim Skelettieren auch vor den Hilfszifferblättern des Carrera- Chronographen oder dessen Datumsanzeige nicht halt. Und auch bei Hublot sind offen konstruierte, technisch anmutende Zifferblätter Teile der gestalterischen Wiedererkennbarkeit.

Die Spirit of Big Bang Tourbillon von Hublot besitzt ein offenes Zifferblatt und ein skelettiertes Werk.

Die Spirit of Big Bang Tourbillon von Hublot besitzt ein offenes Zifferblatt und ein skelettiertes Werk.

Skelettuhren haben es geschafft, die Nische zu verlassen und sind aus dem Kanon gestalterischer Möglichkeiten nicht mehr wegzudenken.

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