Ein Blick in die Zifferblattmitte genügt. Stoppsekunde und Stoppminute laufen dort über die große Minuterie, die gestoppte Zeit lässt sich so selbstverständlich ablesen wie die Uhrzeit und nicht aus einem kleinen Hilfszifferblatt. Diese Zifferblattanordnung hat das Automatikkaliber 5100 von Lemania zu einem der bekanntesten Werkzeugkaliber des 20. Jahrhunderts gemacht.
Es tickte in Militärchronographen der Bundeswehr und in einem Chronographen von Sinn, der 1985 mit einem deutschen Astronauten ins All flog. Gebaut wird es seit rund zwanzig Jahren nicht mehr. Mit dem neuen Werk 01.340 beruft sich Porsche Design im Herbst 2026 ausdrücklich auf das 5100 und bringt dessen Zifferblattarchitektur zurück. Ein guter Anlass, Geschichte, Konstruktion und Ende dieses Kalibers nachzuzeichnen.
Ein Werk aus dem Vallée de Joux
Die Wurzeln reichen bis 1884 zurück. Damals gründete Alfred Lugrin einen Hersteller von Werken und Komplikationen, vor allem Chronographen und Repetitionen für Taschenuhren.

Alfred Lugrin gründete seine Werkstatt 1884 in Le Sentier. 1886 erfolgte der Umzug nach L’Orient. Das Bild in der Anzeige von 1923 zeigt die dortige Fabrik der Lugrin SA.
Den Namen Lemania hatte Lugrin bereits 1906 als Marke eintragen lassen. Unter seinem Schwiegersohn Marius Meylan hieß das Unternehmen ab 1924 Lemania Lugrin SA, und der Name erschien nun auch auf den Zifferblättern.
1932 trat Lemania der SSIH bei, dem Verbund von Omega und Tissot. Für die folgenden Jahrzehnte lieferte die Manufaktur die Chronographenwerke von Omega, darunter das Kaliber CH27, aus dem das Omega-Kaliber 321 hervorging.
Anfang der 1970er-Jahre folgte mit dem Kaliber 1340 ein automatischer Chronograph mit Kurvensteuerung und zentralem Minutenzähler, bei Omega als Kaliber 1040 und 1041 im Einsatz. Fast zeitgleich brachte Valjoux das Kaliber 7750 heraus, das sich später als Massenstandard durchsetzen sollte.
Das 5100 entstand als Weiterentwicklung des 1340 mit einem klaren Ziel: Es sollte günstiger herzustellen sein. Ab 1974 lief es als Omega-Kaliber 1045 in der Speedmaster Mark 4.5 Referenz 176.0012. Auf dem freien Markt verbreitete es sich gegen Ende der 1970er-Jahre, weshalb in der Literatur neben 1974 häufig auch 1978 als Geburtsjahr genannt wird.
Konstruiert für Stückzahl und Stöße
Das 5100 ist ein Werk der Ingenieure, nicht der Finisseure. Viele Teile sind gestanzt, Platinen und Brücken sitzen auf Pfeilern, und an zahlreichen Stellen ersetzt Kunststoff das Metall. Einzelne Räder und Triebe sowie die Tag- und Datumsscheiben bestehen aus Nylon beziehungsweise Delrin, seitliche Puffer aus Kunststoff dämpfen Stöße, eine durchsichtige Kunststoffplatte deckt den Chronographenmechanismus ab.
Konstruktiv ungewöhnlich ist die Lage des Mechanismus. Beim Vorgänger 1340 saß er noch klassisch zwischen Platine und Rotor, beim 5100 wanderte er auf die Zifferblattseite zwischen Zifferblatt und Werkplatte. Angetrieben wird er von einer vertikalen Reibungskupplung am Sekundenrad, die über der Unruh liegt und zur Hälfte aus Nylon besteht. Sie greift durch die Platine hindurch direkt in das zentrale Chronographenrad, ohne Zwischenrad.
Schema | Die vertikale Reibungskupplung

- Lagerstein – lagert die Kupplungswelle oben
- Kupplungsrad – obere Scheibe mit Verzahnung; treibt das zentrale Chronographenrad direkt an
- Kupplungsfeder – presst die Scheiben gegeneinander
- Reibscheibe – überträgt die Kraft allein durch Reibung, ohne Zahneingriff
- Sekundentrieb – empfängt die Kraft aus dem Räderwerk
- Sekundenrad – dreht sich mit dem Räderwerk ständig mit
- Kupplungshebel – von der Steuerkurve bewegt; trennt beim Stoppen die Scheiben
Diese direkte Kraftübertragung gilt als Grund dafür, dass die Stoppsekunde selbst bei harten Stößen kaum stehen bleibt. Vom Zentrumsrad aus treibt eine durchgehende Räderkette den zentralen Minutenzähler und den Zwölf-Stunden-Zähler bei sechs Uhr an. Alle drei Zähler sind damit fest miteinander synchronisiert, die Stoppminute läuft schleichend mit.

Eine einzige Räderkette verbindet alle drei Zähler. Deshalb schleicht die Stoppminute des 5100 kontinuierlich mit.
Gesteuert werden Start, Stopp und Nullstellung über eine Kurve und Hebel statt über ein Schaltrad. Die Unterschiede beider Steuerungsarten erklärt mein Beitrag zum Chronographen.
Am Handgelenk von Piloten und Astronauten
Robustheit, Ablesbarkeit und vertretbare Kosten machten das 5100 zum idealen Kaliber für Werkzeuguhren. Zu den frühen Abnehmern zählten Omega, Sinn, Heuer und Orfina mit den Chronographen von Porsche Design, im Lauf der 1980er-Jahre kamen Tutima und Fortis hinzu, später auch Marken wie Alain Silberstein und Paul Picot.
Der Chronograph von Porsche Design by Orfina war die erste Uhr mit 5100, die an die Bundeswehr ausgegeben wurde. Tutima folgte mit dem 1984 entwickelten NATO-Chronographen, dessen Lastenheft Druckfestigkeit bis 15.000 Meter über Normalnull und Stoßfestigkeit bis 7 g in alle Richtungen verlangte. Mehr zur Geschichte der Marke steht in meinem Beitrag über Tutima Glashütte.

Der deutsche Astronaut Reinhard Furrer trug bei der Spacelab-Mission 1985 einen Chronographen mit einem Lemania 5100.
Das berühmteste Kapitel schrieb Sinn Spezialuhren. Während der Spacelab-Mission D1 vom 30. Oktober bis 6. November 1985 trug der Physiker und Astronaut Reinhard Furrer ein Modell 140 S mit Lemania 5100. Sinn Spezialuhren wertet den Flug als Beleg dafür, dass ein Automatikaufzug auch in der Schwerelosigkeit funktioniert. Über viele Jahre galt das 5100 bei der Bundeswehr als einziges akzeptables Werk für Fliegerchronographen, vor allem wegen seiner Stoßfestigkeit. Gerade diese Aufträge hielten die Produktion lange am Leben.
Warum das Ende kam
Das Aus hat weniger mit Technik als mit Eigentumsverhältnissen zu tun. 1981 löste sich Lemania per Management-Buy-out aus dem kriselnden SSIH-Verbund und firmierte fortan als Nouvelle Lemania. 1991 übernahm die Investorengruppe Investcorp das Unternehmen, der bereits Breguet gehörte. 1999 ging beides an die Swatch Group. Dort fiel die Entscheidung, das 5100 nicht mehr an Kunden außerhalb des Konzerns zu verkaufen. Da keine Konzernmarke das Werk verwendete, war das sein Ende. Sinn Spezialuhren und Tutima erhielten noch die Gelegenheit, sich mit Vorräten einzudecken. Um das Jahr 2002 lief die Produktion aus. Manche Quellen nennen auch 2003 oder 2004. Die Fertigungsstätte in L’Orient wurde zur Werkemanufaktur von Breguet.

Der entscheidende Unterschied: Beim 5100 läuft die Stoppminute aus der Mitte über die große Minuterie, beim 7750 springt sie in einem Hilfszifferblatt bei zwölf Uhr.
Hinter der Entscheidung stand eine nüchterne Rechnung. Das Valjoux 7750, inzwischen bei ETA und damit ebenfalls im Konzern, lief in deutlich größeren Stückzahlen, war ausgereifter und für Dritte günstiger. Für das 5100 hätten Werkzeuge und Fertigung erneuert werden müssen, und die Nachfrage war überschaubar. Hinzu kam, dass Armeen und Behörden zunehmend auf billigere Quarzuhren umstiegen. Die Architektur des 5100 griff die Swatch Group 2009 noch einmal auf, im Kaliber C01.211, allerdings ohne zentrale Stoppminute und nur für Marken des Konzerns. Technisch war das 5100 also nicht überholt, sondern wirtschaftlich nicht mehr gewollt.
Die Erben der Zentralminute
Wer heute eine Stoppminute aus der Mitte anbieten will, hat zwei Wege. Der erste führt über das Valjoux 7750. Sein Minutenzähler sitzt bei zwölf Uhr und wird einmal pro Minute über einen Schaltfinger weitergeschaltet. Weil der Chronographenmechanismus des 7750 auf der Rotorseite liegt, muss eine Zusatzkonstruktion diese Bewegung zurück in die Zifferblattmitte führen. Als Nebeneffekt springt die Stoppminute, statt wie beim 5100 zu schleichen, was das exakte Ablesen der vollen Minute erleichtert. Der zweite Weg ist eine eigene Konstruktion, wie sie bislang nur wenige Manufakturen wagen.
Den ersten Weg gehen gleich drei deutsche Uhrenmarken mit jeweils eigenständigen Lösungen. Sinn Spezialuhren begann nach dem Ende des 5100 ab 2003, Großserienkaliber unter dem Kürzel SZ durch eigene Zusatzkonstruktionen zu verbessern. Das SZ01 mit springender Stoppminute aus der Mitte debütierte 2011 im EZM 10 und arbeitet heute unter anderem in den Modellen 140, 156.1 und 717. Tutima setzt in der M2, der Neuauflage des NATO-Chronographen, und in der Saxon One auf das Kaliber Tutima 521 auf Basis des 7750, dessen Umbau des Zeigerwerks die Marke als geschützte Eigenentwicklung bezeichnet. Damasko baut für das patentierte Kaliber C51 eine modifizierte Platine des 7750 und realisiert ebenfalls eine springende Stoppminute aus der Mitte, etwa in den Modellen DC80 und DC86. Die Gangautonomie liegt bei 50 Stunden.
Einen Sonderweg geht Porsche Design. das Werk 01.340 in Grenchen auf Basis der hauseigenen Automatik-Chronographenplattform entwickelt, die ihrerseits auf die Architektur des 7750 zurückgeht.
Wo beim bisherigen Chronograph 1 der Minutenzähler bei zwölf Uhr saß, zeigt nun eine 24-Stunden-Anzeige Tag und Nacht, die Stoppminute springt aus der Mitte.
Beispiel | Die Architektur des 5100 im Chronograph 1 Utility

- Zentrale Stoppsekunde – läuft nur bei gestartetem Chronographen
- Zentrale Stoppminute – mit roter Pfeilspitze; springt beim Werk 01.340, schlich beim 5100
- Zwölf-Stunden-Zähler – Hilfszifferblatt bei sechs Uhr
- Kleine Sekunde – permanente Sekunde bei neun Uhr
- 24-Stunden-Anzeige – unterscheidet Tag und Nacht bei zwölf Uhr
- Wochentag und Datum – Doppelfenster bei drei Uhr
- Drücker bei zwei Uhr – startet und stoppt den Chronographen
- Drücker bei vier Uhr – stellt alle Zähler auf Null
- Krone – Aufzug, Zeigerstellung und Schnellkorrektur
- Stundenzeiger – aus der Zifferblattmitte
- Minutenzeiger – aus der Zifferblattmitte
Das Kaliber ist chronometerzertifiziert, bietet 60 Stunden Gangautonomie und debütiert im Chronograph 1 Utility, limitiert auf 350 Exemplare für Hodinkee.
Stoppminute aus der Mitte | Aktuelle Modelle
| Modell | Kaliber | Konstruktion | Stoppminute |
|---|---|---|---|
| Porsche Design Chronograph 1 Utility | Werk 01.340 | eigene Chronographenplattform mit 7750-Architektur, chronometerzertifiziert | springend |
| Sinn Spezialuhren 140, 156.1, 717, EZM 10 | SZ01 | Valjoux 7750 mit eigener Zusatzkonstruktion | springend |
| Tutima M2 Chronograph, Saxon One Chronograph | Tutima 521 | Valjoux 7750 mit geschütztem Umbau des Zeigerwerks | aus der Mitte |
| Damasko DC80, DC86 | C51 | modifizierte Platine des Valjoux 7750, patentiert | springend |
| A. Lange & Söhne Odysseus Chronograph | L156.1 Datomatic | Manufakturkaliber mit vertikaler Reibungskupplung | aus der Mitte, dynamische Nullstellung |
| H. Moser & Cie. Streamliner Flyback Chronograph Automatic | HMC 902, heute HMC 907 | Agenhor-Konstruktion mit Schaltrad und Flyback | sofort springend |
Den zweiten Weg, eine eigene Konstruktion, gehen A. Lange & Söhne und H. Moser & Cie. A. Lange & Söhne stellte 2023 mit dem Odysseus Chronograph und dem Kaliber L156.1 Datomatic den ersten automatischen Chronographen der Manufaktur vor.

Auch der Odysseus Chronograph von A. Lange & Söhne mit dem Kaliber L156.1 Datomatic besitzt eine Stoppminute aus der Mitte.
Beide Stoppzeiger sitzen in der Mitte, die Kraft überträgt eine vertikale Reibungskupplung, und bei der Nullstellung holt die Stoppsekunde jede gemessene Minute mit einer vollen Umdrehung im Bruchteil einer Sekunde nach.
H. Moser & Cie. stellte 2020 den Streamliner Flyback Chronograph Automatic mit dem von Agenhor entwickelten Kaliber HMC 902 vor, mit Schaltrad, Flyback-Funktion und sofort springender Stoppminute aus der Mitte. Es gehört zur Familie des Agengraphe, die zuvor bereits bei Fabergé und Singer Reimagined zum Einsatz kam. Seit 2023 arbeitet im Streamliner-Chronograph der Nachfolger HMC 907 mit 72 Stunden Gangautonomie.
Die zentrale Stoppminute bleibt das Erbe
Eine Randnotiz verdient die Kommunikation zum Neustart. Porsche Design und Hodinkee sprechen davon, die Kombination aus zentraler Stoppminute, kleiner Sekunde, Zwölf-Stunden-Zähler und 24-Stunden-Anzeige sei über zwei Jahrzehnte bis 2022 patentrechtlich geschützt gewesen. Welches Schutzrecht gemeint ist, bleibt offen. Da Sinn Spezialuhren, Tutima und Damasko die Zentralminute längst anbieten, kann sich ein solcher Schutz allenfalls auf die konkrete Kombination der Anzeigen bezogen haben. Unbestritten ist, dass diese Kombination selten bleibt. Gut zwanzig Jahre nach dem Produktionsende ist das Lemania 5100 damit mehr als ein Sammlerkaliber, es ist der Maßstab, an dem sich jede Stoppminute aus der Mitte messen lassen muss.
Technische Spezifikationen | Lemania 5100
| 🕐 Anzeige | Stunden und Minuten aus der Mitte, kleine Sekunde bei neun Uhr, 24-Stunden-Anzeige bei zwölf Uhr, Wochentag und Datum bei drei Uhr, Chronograph mit zentraler Stoppsekunde, zentralem 60-Minuten-Zähler und Zwölf-Stunden-Zähler bei sechs Uhr |
|---|---|
| 🔄 Aufzug | Automatikaufzug mit einseitig aufziehendem Rotor über Untersetzungsgetriebe, Rotorlager aus Stahl |
| ⚙️ Kaliber | Lemania 5100, bei Omega als Kaliber 1045 bezeichnet, Chronograph mit Kurvensteuerung und vertikaler Reibungskupplung, Mechanismus auf der Zifferblattseite |
| ⏱️ Frequenz | 4 Hz, das entspricht 28.800 Halbschwingungen in der Stunde |
| 🔋 Gangautonomie | Rund 48 Stunden |
| 💎 Lagersteine | 17 Rubine |
| ✨ Ausführung | Gestanzte Bauteile, Platinen und Brücken auf Pfeilern, Räder, Triebe, Kalenderscheiben und Stoßpuffer teils aus Nylon und Delrin, Abdeckung des Chronographen aus klarem Kunststoff |
| 📏 Abmessungen | 13¾ Linien, das entspricht 31 Millimetern Durchmesser, bei 8,25 Millimetern Höhe |
| 📅 Bauzeit | 1974 bis um 2002 |











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